Fasnachtsbräuche

Anbei einige Fasnachtsbräuche in Liechtenstein:

Ruassla

Beim „Ruassla“ schwärzen die Kinder einander die Gesichter. Verwendet werden dabei angebrannte Korkzapfen oder Speckschwarten, die man an der Unterseite der Pfanne oder der Abdeckung des Holherdes (sofern ein solcher noch vorhanden ist) entlangstreift und so mit Russ bedeckt. Beim „Ruassla“ heisst es aufgepasst, dass man selbst nicht geschwärzt wird.
Es ist dabei kaum zu vermeiden, dass es gelegentlich auch derb zugeht und auch die Kleider etwas abbekommen. Meistens sind beim „Ruassla“ die Mädchen die Opfer der Buben. Früher war es auch bei den Erwachsenen üblich, ist heute aber selten geworden.

 

Maskieren

Lärmumzüge und Maskenlaufen, neben Tanz, Spielen, Schmausereien und Feuer zwei wichtige Elemente der Fasnacht, sind in vielen Kulturen seit der Antike belegt. Je nach Theorie ist die heute in Mitteleuropa gepflegt Fasnacht dem Ursprung nach keltisch-germanisch, römisch oder eine mittelalterliche Neuschöpfung. Verschieden sind auch die Sinndeutungen der Fasnacht. War die Fasnacht in ihrem Ursprung mit Sonnenkult und Fruchtbarkeitszauber verbunden oder diente sie der Vertreibung böser Kräfte und der Beschwörung der guten Geister? Auf jeden Fall kommen darin die mythische Lebensauffassung und die enge Naturverbundenheit unserer Vorfahren zum Ausdruck. Noch heute haftet etwas vom unheimlichen Verwandlungsglauben an Larve und Verkleidung, womit unsere vorchristlichen Ahnen vegetations- und menschenfeindliche Dämonen zu bannen suchten. Dahinter steckte die Anschauung, der Dämon würde vor dem gleichen Gesicht, das er in der Larve findet, fliehen. Die Fasnacht ist aber sicher auch ein Ausdruck der Freude über das Weichen des Winters und das Kommen des Frühlings.
Von all dem ist heute freilich nicht mehr allzu viel zu spüren, und in gewissem Sinne ist die Fasnacht ein Paradebeispiel dafür, dass Bräuche sich verändern können, wenn sie ihren ursprünglichen Zweck eingebüsst haben.
Das Fasnachtsgeschehen ist bei uns auf die sechs Tage vor Aschermittwoch festgelegt. Der Termin der Fasnacht bezieht sich also auf die Fastenzeit und damit auf den kirchlichen Kalender. Aber während die Fastenzeit auf ein jenseitiges Leben hin orientiert ist, verhält es sich mit der Fasnacht genau umgekehrt. In der Fasnacht stehen das Vergnügen, das Essen und Trinken im Mittelpunkt und die gesellschaftlichen Normen sind für viele einige Tage ausser Kraft gesetzt. Bei der Entwicklung der Fasnacht hatte in unserem Raum immer auch die Kirche „viele Hände im Spiel“ (Vorarlberger Nachrichten vom 21. Januar 1984). Die ablehnende Haltung gegenüber Maskierung und ausgelassenem Vergnügen formulierte schon der heilige Irmin, der Gründer des Klosters Reichenau (gest. 753), folgendermassen:
„Am ersten Tag des Monats (Februar?) sollt ihr nicht Felle von Hirschen oder Pferden anziehen. Männer sollen keine Frauenkleider und Frauen keine Männerkleider an diesen Tagen oder an anderen oder zu anderen Spielen tragen. Kein Christ soll es wagen, bei den Kirchen, in den Häusern oder an Kreuzwegen oder an irgendeinem anderen Ort Reigen-, Sing- und Tanzspiele oder Scherze und verwerfliche Spiele zu treiben“. Trotz Ablehnung, Konflikten und Wandlungen hat sich die Fasnacht insbesondere in katholischen Gebieten bis heute gehalten. Während die Protestanten die Fasnacht nach der Reformation ablehnten, konnten die Katholiken ihr durchaus auch positive Seiten abgewinn. Brachte die Fasnacht in ihren verschiedenen Brauchformen doch auch die Vergänglichkeit des irdischen Lebens und seine Unzulänglichkeiten zur Darstellung. Darin steckte ganz im Sinne der Kirche ein lehrhafter Charakter. Allerdings haben die verschieden Brauchformen diesen Sinn in der im 19. Jahrhundert vollzogenen Umdeutung des Ursprungs und der Zusammenhänge der Fasnacht verloren. Heute machen sich auch in unserer heimischen Fasnacht überall fremde Einflüsse bemerkbar. Sie kommen vor allem vom rheinischen Karneval und von der Schweizer Fasnacht, die das Fernsehen jedes Jahr ins Haus liefert. Manches einheimische Fasnachtsbrauchtum ist dadurch in den Hintergrund gedrängt worden, und Guggenmusiken und Büttenredner haben ihren Einzug gehalten. Dieser Wandel wird sich aber nicht verhindern lassen und hat in manchem auch eine Bereicherung gebracht. Trotzdem wünschte man sich manchmal etwas mehr Rücksicht auf die gewachsenen einheimischen Traditionen.

 

Schmutziger Donnerstag

Am Schmutzigen Donnerstag beginnt die eigentliche Fasnacht. In den folgenden sechs Tagen bis zum Aschermittwoch verdichtet sich das fasnächtliche Treiben mehr und mehr. Der Schmutzige Donnerstag hat gegenüber den anderen fasnächtlichen Tagen mit dem „Suppenhafensstehlen“ und dem „Ruassla“ seine Besonderheiten.
Während das erstere nicht mehr mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie früher gepflegt wird und selten geworden ist, erfreut sich das „Ruassla“ vor allem bei den Kindern nach wie vor grosser Beliebtheit.

 

Suppenhafenstehlen

Am Schmutzigen Donnerstag heisst es für die Köchin: „Aufgepasst auf den Suppenhafen“. Durch allerlei Täuschungsmanöver versuchen die Burschen die Köchin aus der Küche zu locken, während einer von ihnen den Suppentopf samt Bohnensuppe und geräuchertem Fleisch mitgehen lässt. In Balzers ist es „Schwinigs und Krut“ oder „Gröchts und Erbsasoppa“, in Schellenberg und Mauren ein Braten, worauf die Hausfrau am Schmutzigen Donnerstag ein besonderes Auge haben muss. Bei der Rückgabe liegt dann ein alter Schuh im Kochtopf, und die Köchin hat zum Schaden auch noch den Spott. Oft übertölpeln die Köchinnen aber auch die Burschen und geben schon im vorhinein einen Schuh in den Topf.
Das Suppenhafenstehlen ist auf einer Briefmarke, die im März 1983 zur Ausgabe gelangte, dargestellt.

 

Eierla

In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts sind hierzulande die Kinder und Jugendlichen zu den vornehmlichen Trägern des fasnächtlichen Treibens und der Vermummung geworden. Im Unterland gehen die Kinder „maschgera“. Sie ziehen mit Larven und in Fasnachtsverkleidung mit einem Korb von Haus zu Haus und betteln mit verstellter Stimme „Eierle“ oder Uierle“. Wenn die Gebefreudigkeit der Hausfrauen erschöpft oder der Korb gar voll Eier ist, tauscht man die Eier im Laden gegen Süssigkeiten oder andere Waren ein.
Das „Eierla“ war bis 1954 vor allem am Fasnachtsmontag und am Fasnachtsdienstag noch allgemein üblich. Heute sind es nur mehr wenige Kinder und Jugendliche, die das „Eierla“ pflegen. Sie beschränken sich dabei auf ihr Wohngebiet oder auf ihren weiteren Bekannten-kreis. Das „Eierla“ ist deshalb nicht mehr überall bekannt.

 

Fasnachtszeitungen

Eine alte Institution der liechtensteinischen Fasnacht sind die „Fasnachtszeitungen“, die in gewisser Weise an die dörflichen „Rügegerichte“ unserer Vorfahren erinnern, wenn sie das Dorf- und Landesgeschehen in humorvoller und witziger Weise kritisch kommentieren. Kaum einer, der sich im verflossenen Jahr etwas zuschulden hat kommen lassen, sei es nun wissentlich oder unwissentlich, kommt hier ungeschoren davon. Freilich bleibt die Fasnachts-zeitung für alle jene undurchsichtig, die mit dem Dorfgeschehen nicht so gut vertraut sind. Eine gute Fasnachtszeitung machen ist eine schwierige Aufgabe, die nicht immer gelingt. Glücklicherweise behält der Humor bei den „Redaktoren“ meist die Oberhand, nur selten werden sie rachsüchtig, wo es doch ihre Pflicht wäre, schalkhaft zu bleiben. Die erste liechtensteinische Fasnachtszeitung nannte sich „Essiggurke“ und erschien im Jahre 1920 in Schaan. In Vaduz kamen 1921 die „Nachrichten des 1. Liechtensteinischen Orchestervereins heraus; schon 1922 hiess dasselbe Blatt „Vaduzer-Orchester-Hobel“ und erschien im Jahre 1922 mit der Ankündigung: „Die Liechtensteinische Fasnachtszeitung ist die obligatorische Chronik aller Narrenstreiche und Spezialfiguren aus der engeren Heimat“. Ihre Nachfolgerin nannte sich 1923 „Das Fadazeinli“. Nach einem grossen Unterbruch erschien in Schaan die „Arschgrüba“ und heute gibt es Fasnachtszeitungen in mehreren Gemeinden. Sie nennen sich in Schaan heute „Wingertesel“ (1954), in Vaduz „Residenzler“ (1971), in Eschen „Provinzler“ (1971), in Mauren „Räbahobel“ (1980), in Triesenberg „Wildmandli“ (1978) und in Ruggell „Jux“ (1969).

 

Fasnachtsunterhaltungen

Die Fasnacht der Erwachsenen spielt sich vor allem am Abend und in den Nächten ab. Auch in Liechtenstein gehören heute zur Fasnacht „Jubel, Trubel und Heiterkeit“, und einige Tage hindurch wird ein nicht geringer Teil der Liechtensteiner von der närrischen Zeit und ihrem Possentreiben erfasst. In den Fasnachtshochburgen finden in den Gemeindesälen Fasnachtsunterhaltungen und -bälle statt. Dabei wird dann die Fasnacht nicht nur in der eigenen Gemeinde erlebt. Die einzelnen Veranstaltungen haben ihren guten Ruf über die Grenzen der Gemeinden hinaus.
Von ganz anderem Charakter ist der Zunftabend bzw. „Presseball“ der Narrenzunft Schaan, zu dem nur geladene Gäste kommen. Das Programm des Abends bestimmen vor allem Büttenreden, in denen vieles spitzfindig aufs Korn genommen wird. Kaum einer, der das Jahr hindurch eine schwache Seite gezeigt hat, bleibt ungeschoren.
Die diversen Fasnachtsunterhaltungen landauf und landab haben verschiedenste Namen. Sie nennen sich „Maskenball mit Prämierung“, „Fasnacht total“, „Larvenball“, „Narrenabend“, Fasnachtsunterhaltung geht ein echter Narr nur maskiert, in möglichst origineller Verkleidung und mit einer „Larve“, hinter der er vor allem mit den unmaskierten Besuchern seinen Schabernak treibt. Die gegenseitige Überlistung ist ja der Witz und das Salz dieser ganzen Vermummung, und jeder setzt seinen Stolz darein, bis zur Demaskierung unerkannt zu bleiben. Zu jeder grossen Fasnachtsunterhaltung gehören heute auch die schon erwähnten Guggenmusiken, die mit dem ohrenbetäubendem Lärm ihrer in rhythmischer Verzerrung vorgetragenen Melodien einen ganzen Saal in ein tobendes Narrenhaus verwandeln können.
Freilich kann an der Fasnacht aus Fröhlichkeit auch Pseudohumor und aus gesunder Ausgelassenheit unverantwortliche Zügellosigkeit werden, bis dann spätestens am Aschermittwoch alles wie eine Seifenblase platzt und der nüchterne Alltag wieder in sein Recht tritt. Wir sind in diesen Tagen wirklich „Narren“, denn die Tragödien des Lebens suchen wir hinter der komischen Maske zu spielen, die Komödien hinter der tragischen, und die fasnächtliche Lustigkeit ist manchmal wie eine Münze, deren andere Seite nur Verzweiflung widerspiegelt.

Quelle: Adulf Peter Goop: Brauchtum in Liechtenstein